Die heimliche Befreiung der Kleider

Das Kostüm im 80er Jahre-Stil lag schon ganz hinten im Kleiderschrank und das war kein gutes Zeichen.
Bald würde es wie all die anderen vor ihm spurlos verschwinden. Eines Tages würde es passieren, es sah schon die unsägliche riesige Tüte da liegen.
Keine Ahnung was danach kommen würde. Es müsste die andern überzeugen mitzumachen. Sie hatten nur diese kleine Chance.

Sie mussten sich zusammentun.

Doch die andern wägten sich in der trügerischen Hoffnung ihre Tage wären noch nicht gezählt. Bloß weil sie ab und zu für ein paar Minuten Tageslicht sahen, nur um dann augenblicklich wieder in den Tiefen des Schrankes zu verschwinden.
Das schwarz-weiß gemusterte Kleid, das immer schon ein bisschen zu weit und unförmig war, war schnell überzeugt. Es holte tief Luft, riss sich die Nähte auf und zerfiel Stück für Stück in seine Einzelteile. Absolute Freiheit. So hatte es sich angefühlt, bevor irgendjemand meinte, seine Stücke gehörten auf diese bestimmte Art und Weise zusammengenäht. Es war bereit.
Die ausgebeulte Strickjacke daneben war monatelang, ach was, jahrelang nicht mehr getragen worden und sehnte sich so nach Körperkontakt. Nun bestand die winzige Chance mit Hilfe des geblümten Sommerkleides ihr Image aufzupolieren und mal wieder an die frische Luft zu kommen. Sie fasste Mut und stellte sich schüchtern vor.
Ebenso unzufrieden glitt die inzwischen viel zu mädchenhaft gewordene Spitzenbluse lautlos vom Bügel und machte sich auf, dem schroffen Ledermantel und dem alten Wollpulli „Hallo“ zu sagen.
Die löchrigen Socken beschlossen sie müssten die Schuhbändel überreden auch was zu tun und nicht immer nur so rumzuhängen.
Das T-Shirt mit dem „lustigen Spruch“ fühlte sich von seiner Botschaft nun schon eine ganze Zeit lang peinlich berührt. Es wollte die Buchstaben unter anderen Stoffen verstecken, es wollte die beschämenden Worte herausschneiden und sie für immer vergessen. Vielleicht würde ihr das Kostüm dabei helfen.
Auch die graue Blazer-Jacke hatte es satt. Sie hatte genug von ihrer eigenen Tristheit und Klassik, nahm Ärmel für Ärmel von dem weich gepolsterten Kleiderbügel und ging einem neuen Leben voller Farben, Muster und Materialien entgegen.
Sprachlos sah der Kamelhaar-Wintermantel dem Treiben zu und konnte es einfach nicht fassen. Er fand sich gut so wie er war und er fand wechselnde Moden lächerlich und Passform völlig überbewertet. Ihm gefiel das beschauliche Leben im Schrank. Doch zu spät, schon hatten sich das Jeanshemd und die Federboa klammheimlich an ihn ran gehängt und nagten seine sorgsam geschlossenen Nähte wieder auf..

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